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Mai, Juni, Juli, August

Mai

Das Schulfest

Das Schulfest in der Pforte hat nicht nur eine lange Tradition, es hat sich nach der Wende auch einen festen Rahmen gegeben. Es beginnt am Samstag um 10 Uhr mit dem Forum Portense, bei dem der Rektor die Anwesenden begrüßt und die Schüler ihre Beiträge präsentieren.

Den Auftakt sollte man auf keinen Fall versäumen. Ein beliebter und stimmungsvoller Programmpunkt ist die Liedertafel im Speisesaal, wenn die gesangsfreudigen „schönsten Männer“ der Schule für eine musikalische Untermalung der Kaffeetafel sorgen.

Mit dem feierlichen Konzert in der Aula klingt der kulturelle Teil des Tages aus.  Der Höhepunkt des Festes ist für mich und wohl auch für die meisten Besucher   der sonntägliche Gottesdienst in der Klosterkirche.

Ich bin jedes Mal gerührt, wenn die Schüler, angeführt vom Kreuzträger, mit dem Lobeshymnus „Hagios o Theos“ in die Kirche einziehen und nach dem   Gottesdienst in feierlicher Form mit dem „Laudate omnes gentes“ (Lobsingt ihr Völker alle) wieder ausziehen. Danach herrscht auf dem Vorplatz der Kirche eine ganz besondere Stimmung. Man diskutiert auch über die Festpredigt, die traditionell von Jakobs Traum von der Himmelsleiter aus dem 1. Buch Moses handelt.

Den Abschluss des Schulfestes bildet das Kreuzgangkonzert im Primanergarten    mit den Schulchören. Die Gesänge der Chöre und insbesondere der Taizè-Gesang begleiten mich dann auf meiner Heimfahrt.

Ich habe das Foto mit der Frau Pastorin nach Abstimmung mit ihr ausgewählt. Ihr verdanken wir diese jährliche Feierlichkeit.

 

Juni

„Die viereckige Freifläche“

 Der Kreuzgang war das Kernstück der Klausur. Für seine Gestaltung gab es Vorschriften, nicht aber für die viereckige Freifläche zwischen den Flügeln. Sie konnte frei gestaltet werden. Auch die vier Kreuzgangflügel wurden während der Klosterzeit und im Zuge der Erweiterung der Schule mehrere Male baulich verändert und auch überbaut.

Der östliche Kreuzgangflügel war von Anfang an zweistöckig. Dort befand sich   auch das Dormitorium der Mönche, die von hier aus direkt in die Kirche   gelangten. In der zweigeschossigen Überbauung waren für die Mönche später Klosterzellen eingerichtet worden, welche dann in Schülerräume umgestaltet wurden. Über dem westlichen Kreuzgang befanden sich die Schlafräume der Laienbrüder, darunter lag deren Speisesaal. Heute befinden sich im oberen   Bereich Internatsräume und darunter Unterrichtsklassen.

Auch der Südflügel war in der Anfangsphase zweigeschossig. Da die obere Etage  die Sicht auf die Kirche und die Kirchenfenster verdeckte, wurde sie später abgetragen.

Etwas eigenartig wirkt der Nordflügel. Über den sieben Arkaden, die von acht Säulen gestützt werden, sieht man drei verschieden aussehende Etagen. Die mittleren Fenster gehören zu den Internatsräumen und die oberen zu den neuen Musikräumen. Vermutlich zielt Corssens Kritik speziell auf diese Baumaßnahmen.

Er beklagt, „dass der Kreuzgang zur Pforte durch Überbauten, Einbauten und Flickereien der schlechtesten Art im vorigen Jahrhundert misshandelt und entstellt worden ist …“, lobt dann aber, „dass Baustil und Ornamentik aus den vorhandenen Resten des alten Baus noch klar zu erkennen sind …“.

Für die Freifläche zwischen den Flügeln gibt es verschiedene Bezeichnungen:     Man nannte sie Kreuzhof, Kreuzgarten, Viereck, sogar „kahler Hofraum“. Daraus  können wir schließen, dass die Freifläche auch unterschiedlich genutzt wurde.   Zum „Gärtchen“ wurde die Fläche erst später „umgeschaffen“ und erhielt den Namen „Primanergarten“.

Stolz des Gärtchens ist die Kastanie. Wir verdanken sie dem früheren Mitschüler Christian Gottfried Ehrenberg, der von 1809 bis 1815 die Schule besuchte und       auf Geheiß des damaligen Rektors Ilgen wegen seiner außergewöhnlichen Biologiekenntnisse auserkoren wurde, die Kastanie zu pflanzen. Sie ist mehr als zweihundert Jahre alt und erscheint von Jahr zu Jahr prächtiger.

Die Chorkonzerte in ihrem Schatten sind ein Erlebnis. Hier zu verweilen bereitet Freude!

Juli

Schülerliebe“

 Als ich im vergangenen Jahr für den Pforta-Kalender 2017 das Gedicht „Schülerliebe“ verfasste, wusste ich nicht, dass zweihundert Jahre zuvor ein  anderer Pfortenser gleich eine ganze Novelle zu diesem Thema geschrieben hatte.

Der Autor war Franz Freiherr von Gaudy. Er wurde am 19. April 1800 in    Frankfurt an der Oder als Sohn eines preußischen Generalleutnants geboren,      1815 kam er    auf die Klosterschule nach Pforta, und verließ sie 1818 mit dem Reifezeugnis für   die Universität.

Nach einem Zwischenspiel beim Militär widmete er sich recht erfolgreich dem literarischen Schaffen. Die Novelle „Schülerliebe“ zählt zu seinen beliebtesten Werken. Sie erinnert an die bewegte Schulzeit in der Pforte während der Napoleon-Kriege und eben an eine jugendliche Liebe zwischen den Klostermauern.

Der Held dieser amüsanten Liebesgeschichte heißt Friedrich Gotthelf Fichte.l Er   ist ein guter Schüler, der sich auch im Dichten versucht … natürlich in lateinischen Hexametern, doch dann verfiel er dem „blinden Liebesgott“.

Ein Kirschkern, gegen sein Studienfenster aus dem Hinterhalt geschossen“, schreckte ihn aus den Jugendträumen und verwandelte ihn zu einem Liebenden. Minna Grasmeier war die Angebetene. Sie war die Nichte des Professors Triptolemos, die während der Semesterferien bei ihrem Oheim zu Besuch war.

Friedrich, zwar erst siebzehn, „sie wohl einiges mehr“, war ihr sofort verfallen.  Dass sie hübsch war, versteht sich, zumal sie ein „schamerglühendes Antlitz und blonde gescheitelte Haare“ hatte. „In der Kirche war es zum ersten Mal, wo ich meine Geliebte in ihrer vollständigen Liebenswürdigkeit zu erblicken Gelegenheit hatte.

Noch lebt die Erinnerung an jene Momente, in welchen mein Herz vor  ekstatischer Wonne zu springen drohte, hell und klar vor meiner Seele.“

Von jener Zeit an war er mit dem Kirchenbesuch ausgesöhnt, denn sie und auch     er versäumten fortan weder die Früh- noch die Nachmittagspredigten. Nur sie in der Kirche anzuhimmeln, reichte ihm nicht. Er wollte ihr ganz nahe sein. Und da schon damals Pfortenser sich in solchen Situationen zu helfen wussten, beschaffte er sich die Feuerleiter und riskierte den Aufstieg zum erträumten Glück.

Ich kann abkürzen: Während er es fast geschafft hatte, „begann die Jakobsleiter, auf deren Sprossen ich dem Himmel schon so nah war, auf eine höchst befremdliche Art zu schwanken, und ein misstöniger Bass – ach, es war des Rektors Stimme – donnerte an mein Ohr: Was macht Er hier? Was hat der Schlingel auf der Leiter zu suchen? Will Er den Augenblick wohl herunter!“

Entsetzen und ein fortwährendes übermächtiges Erschüttern der Leiter löste   seine Glieder – und er „plumpte wie ein Sack herunter, und dem     Zornsprühenden gerade vor die Füße. –

Er ist der Fistel? Wart‘ Er, ich werd‘ ihm lehren! Marsch, auf Sein Zimmer.        Das Weitere wird sich finden.“

Was nun folgte, ist eigentlich klar.

 

August

„Schülerliebe“

Fortsetzung

Vierzehn Tage verstrichen, bevor der verliebte Friedrich Gotthelf Fistel vor die Synode zitiert wurde, nachdem er ausgerechnet vom Rektor beim Fensterln erwischt worden war. Dann hatte das angespannte Warten ein Ende:

„Oben an dem grünen Tische saß der riesengroße, hartknochige Rektor, und schoss über seine ultrarömische Nase giftkugelngleiche Blicke auf mich ab. Die anderen sechs Inquisitionsrichter saßen zur Rechten und Linken. Wohin ich sah, nichts als schwarze Samtkäppchen und Röcke und grimmig gerunzelte Stirnen; nur die Gesichtsfalten des Oheim Triptolemos hatten eine elegische Drapierung angenommen.

Der Rektor entfaltete einen schönen Belinbogen mit darunter gedrucktem großmächtigem Siegel, und las mir daraus mit klarer vernehmlicher Stimme vor: Wie ein kurfürstlicher hoher Kirchenrat zu Dresden, auf Antrag des preislichen Schulkollegil, zu dekretieren geruht habe, dass dem Alumnus Friedrich Gotthelf Fistel aus Freiburg an der Unstrut, unziemlicher Verbindung halber, das consilium abeundi erteilt werde. –

‚Und nun‘, schloss der Rektor, ‚kann Er gehen!‘ – Das tat ich auch.“

Nur wohin sollte er gehen. Nach Hause traute er sich nicht – der Vater war überstreng. „Ich rannte auf der Straße fort …“, so beginnt Gaudys Liebesnovelle.

„Da wo der Weg ein Knie bildet, hielt ich noch einmal an, stieg auf einen Haufen kleingeschlagener Steine, und warf durch die Pappeln der Heerstraße (nach Naumburg) einen halb ingrimmigen, halb wehmütigen Scheideblick auf die Rabenmutter, welche soeben den hoffnungsvollsten ihrer Söhne von sich und hinaus in die weite Welt gestoßen hatte. Besagte Mutter aber war die alma mater, die sächsische Fürsten- und Landesschule Pforta, und der aus ihrem Schoße vertriebene unbarmherzig enterbte, niemand anders als ich, … vor einer Stunde noch alter Primaner, jetzt aber Kandidat des Vagabundierens und der Landstreicherei.“

Ich kann mich kurzfassen: Wer so lieben kann, kann auch kämpfen und hat mitunter auch Glück – wie unser Fistel! Das Leben mit den Soldaten und Vagabunden lässt ihn nicht verderben. Er hat sich ein gutes Pfortenser Herz bewahrt. Er versöhnt sich mit seinen Eltern und seiner Alma Mater, die ihn einst so herzlos verstoßen hatte, und bekommt auch am Ende sogar seine Minna.

Die Novelle strotzt – wen wundert‘s – vor lateinischen Textteilen und endet auch so: Inveni portum. Spes et Foprtuna valete! Sat me lusistis – Ludite nunc alios.

Und für jene, die sich nicht mehr an das Lateinische erinnern:

Ich habe den Hafen gefunden. Lebt wohl, Hoffnung und Glück! Genug habt ihr mit mir gespielt – Spielt jetzt mit anderen.

Anmerkung: Ich habe das Büchlein in einem Berliner Antiquariat aufgetrieben. Die Geschichte war in der Reihe der Terra-Bücher des Karl Boegels Verlages erschienen.

Die kursiven Textteile habe ich wörtlich übernommen.